Ungeahnte Wahrheitsfindung

Ungeahnte Wahrheitsfindung

 

Das Performance-Objekt „Inspektor Descloux“

 

Kaum ein Name macht so universell gute Laune wie der des Schauspielers Peter Sellers. Sobald er in Gesellschaft fällt, schwärmt die Runde von dem bunt bemalten Babyelefanten in „The Party“, den Schwiegereltern auf Haschkeksen in „Thank you, Alice B. Toklas“ und natürlich dem raffinierten Inspektor Clouseau aus den „Pink Panther“-Filmen.

 

Insofern ist es bewundernswert treffsicheres Selbstmarketing, wenn sich der Schweizer Architekt Etienne Descloux in halboffiziellen Zusammenhängen (Social Media, Kunstprojekte) „Inspektor Descloux“ nennt. Was man für das Resultat einer Partylaune halten könnte, ist indes ernster gemeint, als es scheint. Das scharfe Auge eines echten Ermittlers wird mit dem Namen ebenso evoziert wie der leicht verschobene Blick des Filmpolizisten, der oft ungeahnt der Wahrheitsfindung dient.

 

Die Edition „Inspected“ von Etienne Descloux ist einfach konstruiert: ein einstündiger Hausbesuch des Architekten, bei dem dieser sich eine gestalterische Aufgabe, ein räumliches Problem, eine baukünstlerische Herausforderung schildern lässt und Lösungsansätze für den Käufer der Edition entwickelt. In der Terminologie von Descloux handelt es sich um eine Inspektion.

 

Der Käufer erhält nach diesem Besuch eine Messing-Plakette mit dem Schriftzug „Inspected. Etienne Descloux“, die er am Ort der Inspektion befestigen kann. Oder irgendwo anders. Schraubenlöcher sind jedenfalls vorgebohrt.

 

Die Form der Plakette beruht auf der Kleinskulptur „Neobabaroque“, die Descloux für das 3-D-Printprojekt „Bibelot“ (deutsch: Krimskrams) vor einigen Jahren am Kampener Strand auf der Insel Sylt entwickelte. Seine Grundidee: Vom Rationalismus zum Barock, oder: Rundes, das aus Eckigem wächst. Die Referenzliste ist präzise und sybillinisch zugleich: Janus, Barock, Fischer von Erlach, Borromini, Jil Sander FW 2012, Carel Visser, Ettore Sottsass, Zuckerdose, Aschenbecher, Raleigh Hotel/Miami Beach, Swimming Pools, Mickey Mouse, Babar der Elefant, Celesteville, Festzelt, Trophäe, Bälle, Ionik, capitello, Studio 65 (?).

 

“Messing ist affordable Gold! Ein Alltagsgold.”, erklärt der Architekt das gewählte Material: “Es bekommt eine wunderbare Patina, wenn man es nicht behandelt. Und irgendwann putzt man es – und der alte Glanz kommt wieder zum Vorschein!”

 

Intelligent kombiniert Descloux bei dieser Edition performance art mit einem greifbaren – und wenn das Wort hier gestattet ist: wunderschönen – Objekt. Darüber hinaus verleiht er mit dieser rituellen Beratungsstunde dem Beruf des Architekten die Aura und Würde, die ihm in seinen Augen gebührt. Diese Botschaft allerdings transportiert er nicht demagogisch oder deklamatorisch, sondern leichtfüßig und hintergründig. Was wiederum zu den besonderen Qualitäten des Architekten und Künstlers Etienne Descloux gehört.

 

Adriano Sack, Februar 2015

 

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